Manchmal gibt es Spiele, die mehr verändern als Tabellenstände.
Das Derby 2011 zwischen der BSG Wismut Gera und dem 1. FC Gera 03 war genau so ein Spiel. 1027 Zuschauer kamen damals ins Stadion der Freundschaft. Wochenlang war die Stadt elektrisiert. Auf der einen Seite der große Meisterschaftsfavorit, unterstützt von Stadt, Wirtschaft und Sponsoren. Auf der anderen Seite eine Wismut-Mannschaft, die sportlich deutlich schlechter besetzt war, aber etwas besaß, das man nicht kaufen konnte: Zusammenhalt, Identifikation und echten Wismut-Geist.
Die BSG ging in Führung. Der Ausgleich folgte. Doch kurz vor Schluss fiel tatsächlich der Siegtreffer. 2:1 für Wismut durch Derby-Held Rico Heuschkel. Gegen den bereits feststehenden Meister. Gegen eine Mannschaft, die sich im Vorfeld mit Meisterfeier und Mallorca-Abschlussfahrt beschäftigte. Gegen einen Gegner, der glaubte, das Derby würde sich von allein gewinnen.
An diesem Nachmittag veränderte sich die Fußballwelt in Gera.
An diesem Nachmittag veränderte sich die Fußballwelt in Gera. Nicht wegen drei Punkten. Sondern weil sichtbar wurde, dass Leidenschaft, Haltung und Vereinsidentität stärker sein können als Budgets, Strukturen und große Namen. Genau dieser Geist machte die Wismut damals aus.
15 Jahre später wiederholt sich die Geschichte. Nur diesmal mit vertauschten Rollen. Wieder Derby. Wieder Führung. Wieder Ausgleich. Wieder fällt kurz vor Schluss der entscheidende Treffer. Doch diesmal jubelt nicht die Wismut. Diesmal gewinnt der TSV Gera-Westvororte verdient mit 2:1. Westvororte macht damit einen riesigen Schritt Richtung Klassenerhalt und zur Nummer 1 im Geraer Fußball.
Herzlichen Glückwunsch, Daniel Gehrt.
Die Wismut dagegen rutscht auf einen Abstiegsplatz und blickt der Landesklasse entgegen. Und auch die Kulisse erzählt ihre eigene Geschichte. 2011 kamen 1027 Zuschauer zu einem Derby, das Hoffnung und Aufbruch verkörperte. 2026 waren es nur noch rund 600. Selbst andere Derbys im Geraer Fußball lockten zuletzt mehr Menschen an als dieses vielleicht wichtigste Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte. Diese Zahlen zeigen nicht nur einen sportlichen Niedergang. Sie zeigen einen emotionalen Verlust.
Während die Wismut am Tag vor dem Derby ein peinliches Video mit dem für die sportliche Situation verantwortlichen Ex-Präsidenten produzierte, gewann Westvororte dort, wo Fußballvereine tatsächlich wachsen: auf dem Platz und in der täglichen Außenkommunikation. Deshalb verdient Westvororte Respekt. Anders als beim damaligen 1. FC Gera 03 kann hier niemand von einem künstlich aufgepumpten Projekt sprechen. Westvororte hat sich seine Entwicklung erarbeitet. Mit Kontinuität. Mit Ehrenamtlichen, die in der Außendarstellung mehr „Punkte holen“ als die hauptamtlichen Strukturen am Steg.
Das mag schmerzen. Aber es ist die Realität. Und genau deshalb muss über die Ursachen gesprochen werden. Denn Sorge um die Zukunft des Vereins wird seit Monaten bewußt als störend oder vereinsschädigend dargestellt. Dass ausgerechnet Udo Korn nun auch öffentlich die Hutschnur geplatzt ist, sollte daher als letztes Warnzeichen verstanden werden.
Wer seit der Neugründung erstmalig auf einem Verbandsliga-Abstiegsplatz steht, ein Endspiel-Derby um den Klassenerhalt verliert und sich anschließend über Kritik im Internet beklagt, verkennt die Realität.
Wer seit der Neugründung erstmalig auf einem Verbandsliga-Abstiegsplatz steht, ein Endspiel-Derby um den Klassenerhalt verliert und sich anschließend über Kritik beklagt, verkennt die Realität. Die Wismut war zumindest 2011 kein beliebiger Dorfverein. Dieser Klub lebte von Emotionen, von Anspruch und von öffentlicher Diskussion. Genau diese Emotionen waren willkommen, als um finanzielle Unterstützung geworben wurde.
Ein Blick auf die Zuschauerzahlen zeigt das eigentliche Problem deutlich auf: Die größte Gefahr für die Wismut ist nicht die Kritik. Die größte Gefahr ist Gleichgültigkeit. Und davon gibt es inzwischen mehr als genug.
Noch bemerkenswerter ist, dass bis heute kaum jemand Verantwortung für die Fehleinschätzungen des Sommers übernommen hat.
Noch bemerkenswerter ist, dass bis heute kaum jemand Verantwortung für die Fehleinschätzungen des Sommers übernommen hat. Damals wurden ein gedecktes Budget, eine sportlich konkurrenzfähige Mannschaft und eine schnelle Stabilisierung in der Thüringenliga angekündigt. Nichts davon ist eingetreten. Weder finanziell noch sportlich. Stattdessen folgten offene Diskussionen über die wirtschaftliche Lage, personelle Konflikte, die Trennung des gerade hoffnungsvoll verkündeten Trainerzugangs und eine Saison, die in die schlechteste Verbandsligabilanz seit der Neugründung mündete.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der immer schwerer nachvollziehbar wird: die Darstellung eines angeblichen personellen Umbruchs. Im Umfeld wird weiter von einer „nahezu komplett neu aufgestellten Mannschaft“ gesprochen. Ein Blick auf die Startelf der vergangenen Monate zeichnet jedoch ein anderes Bild. Viele Spieler prägen den Verein seit Jahren. Das Durchschnittsalter des Kaders liegt deutlich jenseits dessen, was man üblicherweise mit einem Neuaufbau verbindet. Von welcher neuen Mannschaft ist also eigentlich die Rede? Von einem echten Umbruch kann kaum gesprochen werden.
Umso irritierender wirkt es, wenn ein ehemaliger Präsident, dessen Amtszeit untrennbar mit diesen Vorgängen um „geliehene“ Gelder verbunden ist, weiterhin öffentlich im Umfeld des Vereins präsent ist und sogar in vereinseigenen Medienformaten auftritt.
Die Wismut spielt sich sportlich gerade in die Bedeutungslosigkeit. Verantwortlich dafür sind nicht nur einzelne Spieler oder Trainer. Verantwortlich sind vor allem strukturelle Entscheidungen und eine Vereinsführung, die zentrale Fehlentwicklungen zugelassen oder nicht rechtzeitig korrigiert hat.
Wer jetzt ausschließlich Ruhe fordert, vertauscht Ursache und Wirkung. Ruhe entsteht nicht durch Appelle. Ruhe entsteht nicht durch das Abwerten von Kritik. Ruhe entsteht durch Vertrauen. Und Vertrauen entsteht durch nachvollziehbare Entscheidungen, ehrliche Kommunikation und sichtbare Konsequenzen.
Genau an diesem Punkt hat die BSG in den vergangenen Monaten versagt. Bis heute fehlt vielen Mitgliedern und Fans eine nachvollziehbare Aufarbeitung der Vorgänge, die den Verein in seine schwerste finanzielle Krise seit der Neugründung geführt haben. Umso irritierender wirkt es, wenn ein ehemaliger Präsident, dessen Amtszeit untrennbar mit den Vorgängen um „geliehene Gelder“ verbunden ist, weiterhin öffentlich im Umfeld des Vereins präsent ist und sogar in vereinseigenen Medienformaten auftritt.
Es geht um Glaubwürdigkeit. Ein Verein, der Vertrauen zurückgewinnen will, muss erkennen, dass Symbole und Bilder eine Wirkung haben. Wer einen Neuanfang ausruft, muss ihn auch sichtbar machen. Und wer Verantwortung einfordert, darf bei den Verantwortlichen nicht wegschauen.
Vor zwanzig Jahren waren es Menschen wie Udo Korn und Hermann Just, die den Verein wieder aufgebaut haben. Nicht weil die Voraussetzungen ideal waren. Sondern weil ihnen die Wismut wichtiger war als persönliche Interessen. Der Verein stand über allem. Heute entsteht zunehmend der Eindruck, dass genau diese Haltung verloren gegangen ist. Deshalb geht es längst nicht mehr um einzelne Ergebnisse oder einzelne Personalien. Es geht um die grundsätzliche Frage, welchen Weg dieser Verein einschlagen will.
Die eigentliche Gefahr für die BSG Wismut Gera ist längst nicht mehr der drohende Abstieg in die Landesklasse. Die eigentliche Gefahr ist, dass der Verein die Fähigkeit verliert, aus seinen Fehlern zu lernen. Denn genau so beginnen Niedergänge: Nicht mit einer Niederlage. Nicht mit einem Abstieg. Sondern mit dem Glauben, dass man trotz aller Warnsignale einfach weitermachen kann wie bisher.
Die Geschichte des Geraer Fußballs kennt dafür bereits ein mahnendes Beispiel.
Glück Auf.