Ein Kommentar
Vor ziemlich genau 65 Jahren wurde Udo Korn Mitglied der Betriebssportgemeinschaft. Für viele ist er das Urgestein der BSG Wismut Gera – Aufstiegsheld, Torjäger und später auch Trainer. Vor allem aber ist er – gemeinsam mit Hermann Just – einer der Hauptgründe, warum es diesen Verein heute überhaupt noch gibt.
Nichts ist größer als der Verein
2003 wusste niemand, ob es weitergeht. Zwei Leute im Training. Elf beim ersten Pflichtspiel in Berga. Ein Ersatztorwart musste im Feld aushelfen. Der Verein war am Boden, verspottet, abgeschrieben, gesellschaftlich abgestempelt. Und trotzdem wurde er wieder aufgebaut – mit Haltung, Ehrlichkeit und einer klaren Priorität: Der Verein steht über allem.
Und genau diesem Verein gelang im Jahr 2011 Historisches: Eine sportlich unterlegene Mannschaft der BSG Wismut Gera errang einen überraschenden, aber absolut verdienten Derbysieg gegen die von Stadt und Wirtschaft unterstützte „Lieblingsmannschaft“ in Gelb-Schwarz. Während „03“ die Malle-Abschlussfahrt der Derbyvorbereitung vorzog, setzte sich Wismut mit genau dem durch, was diesen Verein immer ausgezeichnet hat: Einstellung, Zusammenhalt und echter Wismut-Geist.
Und heute?
Die Lage bei der BSG Wismut Gera ist nicht einfach schwierig – sie ist das Ergebnis eines systematischen Versagens auf mehreren Ebenen. Wer die letzten Jahre nüchtern analysiert, erkennt kein Pech und keine unglücklichen Umstände, sondern eine Kette aus Fehlentscheidungen, Ignoranz gegenüber kritischen Stimmen und einer erschreckenden Selbstüberschätzung.
Wir haben uns eine klare Obergrenze gesetzt und sind … im Budget. Auch im Hinblick auf die Oberliga haben wir eine spezielle Kalkulation für die neue Herausforderung erarbeitet und bewegen uns, wenn alles so bleibt, in sicherem Fahrwassern.
16. Juli 2024 | OTZ
Vor 15 Jahren herrschte eine große Euphorie. Zuschauerzahlen, die in den jeweiligen Ligen beeindruckten. Hoffnung, Identifikation, ein Verein, der getragen wurde. Und heute? Misstrauen, Frust, Gleichgültigkeit. Das ist kein Zufall – das ist hausgemacht.
Während es seit zwei Jahren sportlich bergab geht, liefert der Verein abseits des Platzes ein Bild, das kaum noch zu ertragen ist. Die Vorwürfe rund um den Umgang mit Spendengeldern und Spieltagseinnahmen haben sich tief ins Gedächtnis der Gerschen Bevölkerung, Politik und Wirtschaft, in den Köpfen der Fans der BSG Wismut Gera – und weit darüber hinaus im Thüringer Fußball – eingebrannt. Ein Thema, das von allen Beteiligten maximale Transparenz und Demut erfordert hätte. Stattdessen liefert ein öffentliches Protokoll der Mitgliederversammlung aus dem April 2025 tiefe Einblicke in das Agieren und vor allem das Verständnis vom „Miteinander“ innerhalb des Vorstandes. Ein Verein, der zwar noch den gleichen Namen trägt wie 2011 – dessen Auftreten und Handeln auf und neben dem Platz jedoch kaum noch etwas mit den Idealen der Väter der Neugründung um Udo Korn gemein hat. Einzig die Herzlichkeit und Leidenschaft von Carola, Heike und den treuen Helfern erinnern noch heute an eine längst vergangene Zeit.
Er ist wieder da. Carsten wird ab sofort Sportvorstand und verstärkt uns somit mit seiner sportlichen Expertise und seinem hervorragenden Netzwerk.
6. August 2024 | facebook.com/wismutgera
Herr Hänsel wird aufgefordert den Vorstandstisch zu verlassen.
25. April 2025 | wismutgera.de
Als wäre nichts geschehen …
Während der Verein einem „Antrag auf Ausschluss des 2. Vorsitzenden“ zustimmt und „Herrn Hänsel auffordert, den Vorstandstisch zu verlassen“ dulden sie aktuell ein Auftreten, das jeder Beschreibung spottet. Ex-Präsident Max Weiß, der den Verein in die größte finanzielle und kommunikative Krise seit der Neugründung geführt hat, inszeniert sich öffentlich in der Trainingsjacke der BSG mit einer „90-Tage-Challenge“ – gemeinsam mit dem aktuell für Finanzen zuständigen Vorstandsmitglied, das zugleich die Geschäftsstelle führt. Und das in einem Verein, der wenige Wochen zuvor – auch infolge der Vorstandsarbeit unter der Führung von Weiß – öffentlich um Spenden bitten musste. Erkennt niemand, wie das wirkt? Das ist kein Nebenschauplatz, das ist ein Offenbarungseid.
Natürlich ist es legitim, sich persönlich weiterzuentwickeln. Und es ist dem Menschen hinter dem ehemaligen BSG-Funktionär zu wünschen, dass er sein Leben in geordnete Bahnen gelenkt bekommt. Fragwürdig wird es aber dort, wo die öffentliche Inszenierung mit dem Wismut-Logo in einem krassen Missverhältnis zur Arbeit des Ex-Präsidenten im Verein steht. Es sei daran erinnert, dass diese Vorgänge in einer Phase öffentlich wurden, als der Verein gleichzeitig um Spenden für ein krebskrankes Kind bat. Der daraus entstandene Imageschaden ist offenbar bis heute nicht einmal vollständig begriffen worden. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Ex-Präsident weiterhin die Farben und das – weiterhin nicht im Besitz des Vereins befindliche – Logo trägt, als wäre nichts passiert.
Ich möchte sehr gern im Vorstand der BSG Wismut Gera mitwirken und die Finanzen ordnen, überwachen und mitregeln.
25. November 2024 | facebook.com/wismutgera
Doch wer allein den Fokus auf Max Weiß richtet, will das eigentliche Problem bewußt ignorieren oder die eigene Haut reinwaschen. „Ein Großteil der Summe, über die wir sprechen, das sind Altlasten, da ist in den vergangenen Jahren einiges aufgelaufen„, erklärte Steven Obst zur Bilanz der Vorstandsarbeit der letzten Jahre. Kaum vermittelbar ist daher, dass auf der einen Seite Mitglieder sanktioniert werden und gleichzeitig Familien ihr erspartes Taschengeld für die BSG Wismut Gera spenden, während ein ehemaliger Schatzmeister weiterhin im Kader steht, als wäre nichts geschehen. Statt Demut und einer klaren Entschuldigung folgen völlig deplatzierte Direktnachrichten eines Vorstandsmitglieds aus Mallorca an den Verfasser dieser Zeilen – ein Bild, das eher zum Auftreten des 1. FC Gera 03 im Jahr 2011 passt: Ballermann statt Verantwortung. Aber genau das war niemals der Maßstab für die BSG Wismut Gera und das Selbstverständnis ihrer (Neu-)Gründungsväter.
Auch die sportliche Kompetenz des Ex-Präsidenten und seines selbst gewählten Teams muss hinterfragt werden: Die Entscheidung für die Thüringenliga als angebliche „Konsolidierungsliga“ war nicht nur falsch, sondern realitätsfern. Von einer Liste mit 100 Nachwuchsfußballern wurde berichtet, die im Sommer 2025 alle kontaktiert werden sollten. Ein gedecktes Budget, ambitionierte Ziele abseits der Abstiegszone – all dies war zwar in den Medien zu lesen, aber nichts davon ist eingetreten. Vielmehr musste der Verein „SOS“ funken. In den Medien war sogar von einer „drohenden Insolvenz“ die Rede.
Sportlich steht die Mannschaft nach 25 Spielen erstmals seit der Neugründung auf dem letzten Tabellenplatz der Thüringenliga.
Auch die Zuschauerzahlen bewegen sich ebenfalls wieder in Richtung der Boykott-Saison. Von einer Gesundung oder Konsolidierung zu sprechen, ist inzwischen nichts anderes als Realitätsverweigerung.
Kritische Stimmen wurden im Sommer abgebügelt. Langjährige Fans werden ignoriert. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität könnte größer kaum sein. Heute steht man vor den Trümmern dieser Entscheidung. Und statt daraus zu lernen, wird die nächste Illusion vorbereitet: „Konsolidierung“ – diesmal in der Landesklasse.
Das ist keine Strategie, sondern ein Wiederholen alter Fehler.
Und jeder, der die Liga kennt, weiß: Mit Vereinen wie dem schon heute für eine mögliche Landesklasse gut aufgestellten TSV Gera-Westvororte oder Eurotrink wird es dort alles – aber sicher keine ruhige Konsolidierung geben. Wer das ernsthaft glaubt, hat aus den letzten Jahren nichts gelernt.
Letzte Chance für den Verein: Neustart in der Kreisoberliga
Was jetzt gebraucht wird, ist kein „Weiter so“ mit neuem Anstrich. Es braucht einen radikalen Schnitt und vor allem die Rückbesinnung auf das, was diesen Verein einmal stark gemacht hat. Niemand – wirklich niemand – macht das Duo Heuschkel/Peters für einen möglichen sportlichen Abstieg verantwortlich. Beide sind vielmehr Hoffnungsträger für einen glaubhaften Neuanfang im Sinne von Udo Korn.
Mit Francis Wezel steht schon heute der perfekte Trainer an der Seitenlinie, der diesen besonderen Wismut-Geist tagtäglich lebt. Eine Mannschaft mit alten und neuen Wismut-Kumpeln in der Kreisoberliga, mit Identifikation und Hunger – das wäre ein Anfang. Kein Luftschloss, sondern ehrliche Arbeit und eine echte Perspektive für neue BSG-Helden.
Wenn es dann mit einer Mannschaft voller Legenden und einem Trainerteam Wezel/Steinbach gelingt, ein stabiles Fundament zu schaffen aber eben auch gezielt die jungen Spieler zu integrieren, dann hat die BSG Wismut Gera in der KOL-Saison 2026/2027 die Chance auf einen echten Neuanfang – geprägt von Identifikation.
Es geht um das, was Menschen wie Udo Korn aufgebaut haben, als niemand mehr an diesen Verein glaubte. Als elf Spieler gereicht haben. Als ein Ersatztorwart im Feld stand. Als Einsatz, Wille und Identität mehr wert waren als jede Illusion von Größe.
Dieses Lebenswerk steht wieder auf dem Spiel. Daher ist jetzt der Moment, aufzuwachen und zu erkennen, dass es nicht um persönliche Befindlichkeiten geht, sondern um die Existenz dieses Vereins. Ein Verein, der ein drittes Jahr in der sportlichen Abwärtsspirale nicht überleben wird.
Und bei all dem darf eines nicht vergessen werden: die Fans. Diejenigen, die Woche für Woche fahren. Die sich als Absteiger beschimpfen lassen. Die trotz allem hinter der Mannschaft stehen. Diese Menschen sind der Verein. Respekt vor jedem Einzelnen, der sich das aktuell noch antut. Aber genau diese – im besten Sinne – Verrückten haben auch ein Recht auf einen Verein, der wie vor 23 Jahren ihre Leidenschaft verdient.
Wahl 2021 – der Ausgangspunkt der heutigen Situation
Wer heute darauf verweist, dass die Fans „ja immer nur meckern“ und selbst keine Verantwortung übernehmen wollen, blendet einen entscheidenden Teil der Geschichte aus. Im April 2021 hatten sich mit Jan und Kai zwei Kandidaten zur Wahl gestellt. Im Vorfeld wurden im Verein gezielt Zweifel an Jans Fähigkeiten im Umgang mit Finanzen gestreut – mit bekanntem Ausgang.
Rückblickend ist es eine bittere Ironie, dass genau diese Entscheidung den Weg für Verantwortliche geebnet hat, unter deren Führung ein Minus erwirtschaftet wurde, das heute Spendenaktionen und weitere Sparmaßnahmen notwendig macht. Der aktuelle Zustand der BSG Wismut Gera ist eben nicht vom Himmel gefallen – er ist auch das Ergebnis dieser Wahl.
Unvergessen bleibt im Zusammenhang mit dieser richtungsweisenden Wahl das Engagement von Trainer Dörfer, der mit der Wismut trotz bester Voraussetzungen den Aufstieg mehrfach nicht schaffte und nun innerhalb eines Jahres bereits zum zweiten Mal mit einer Mannschaft auf einem Oberliga-Abstiegsplatz steht. Umso irritierender ist es, dass nun ausgerechnet dessen Freund, Daniel Sander, als Trainer verpflichtet wird – jemand, der sich damit selbst öffentlich und auch online in diese Diskussion eingebracht hat. Das wirft Fragen auf. Nicht nur zur sportlichen Ausrichtung. Wenn Aussagen wie „Malle ist und bleibt das Mekka für Fußballer“ im Raum stehen, darf zumindest angenommen werden, dass der Gedanke „Malle ist größer als die Relegation“ weiterhin der Anspruch ist, an dem sich die BSG Wismut Gera auch künftig orientieren will. Wohin dies führt, zeigt die Entwicklung des Vereins seit der Mallcorca-Fahrt der Herren im Vorfeld der Oberliga-Relegation sehr eindrucksvoll.
Weiter so in den Abgrund oder echter Neuanfang
Letztlich ist es völlig unerheblich, wer in der Landesklasse den bisherigen Abwärtstrend fortsetzt. Diese Liga ist für die BSG Wismut Gera in ihrer aktuellen Verfassung kein Schritt nach vorn – sondern Ausdruck des Problems.
Die entscheidende Frage ist daher längst nicht mehr, ob Veränderungen notwendig sind, sondern ob sich noch eine Gruppe von Wismut-Freunden findet, die bereit ist, diese im Sinne des Traditionsvereins konsequent umzusetzen.
Denn eines ist klar: Ein erneutes „Weiter so“ wird sich dieser Verein nicht mehr leisten können. Die Kreisoberliga in der Saison 2026/2027 ist keine Vision oder ein Schreckensgespenst, sondern die einzige und vermutlich letzte Option für einen echten Neustart – sportlich, strukturell und wirtschaftlich. Nur so lässt sich das Lebenswerk von Udo Korn nachhaltig sichern.
Haltet die BSG in Ehren.
Glück auf!