Der Kommentar beschäftigt sich nicht mit einer Geschmacksfrage. Es geht um die Identität der BSG Wismut Gera, um den Umgang mit ihrem Vereinswappen und dessen historischen Farben sowie um die besondere Situation der Markenrechte. Warum sind Rot und Gold mehr als nur Farben? Weshalb sollte ein Traditionsverein sein Wappen in den Originalfarben verwenden? Und warum wäre das Jubiläumsjahr ein guter Anlass, sowohl zu den historischen Farben zurückzukehren als auch die vollständigen Markenrechte wieder in den Verein zu holen?
Vielleicht beginne ich diesen Text mit einer einfachen Frage: Wäre es für einen Fußballfan vorstellbar, das Logo des FC Schalke 04 in Gelb darzustellen? Wer diese Frage mit „Ja“ beantwortet, braucht vermutlich nicht weiterzulesen. Denn dann fehlt das grundlegende Verständnis dafür, dass Farben und Wappen untrennbar zur Identität eines Vereins gehören. Wer hingegen nachvollziehen kann, dass die Vereinsfarben der BSG Wismut Gera eben nicht Grün und Weiß sind, sondern eine Geschichte erzählen, wird auch verstehen, warum dieser Beitrag weit mehr ist als eine Diskussion über Geschmack.
Zunächst lohnt sich ein Blick auf eine deutschlandweit außergewöhnliche Situation. Die BSG Wismut Gera besitzt lediglich die Markenrechte für die Online-Nutzung ihres Logos. Die Markenrechte für den Printbereich liegen nach den Eintragungen des Deutschen Patent- und Markenamtes seit 2007 bei Oliver Hesse – und damit nicht beim Verein selbst. Über die Entstehung dieser Situation gibt es unterschiedliche Darstellungen. Unstrittig ist jedoch: Dass ein Fußballverein nicht vollständig über sein eigenes Wappen verfügen kann, ist im deutschen Fußball ein bemerkenswerter Sonderfall.
Nach der Wiedervereinigung wurde vielfach darüber gestritten, ob in der DDR entstandene Symbole als Marken geschützt werden können. Andere Traditionsvereine wie der BFC Dynamo oder der 1. FC Lok Leipzig konnten ihre Markenrechte schließlich vollständig zurückholen. Der BSG Wismut Gera ist dies bis heute nicht gelungen. Dass der Verein ausgerechnet im Jahr seines 75-jährigen Bestehens noch immer nicht uneingeschränkt über sein eigenes Logo verfügen kann, darf mindestens bedauert werden. Es wäre ein starkes Signal gewesen, dieses Kapitel gerade im Jubiläumsjahr abzuschließen.
Doch darum soll es hier gar nicht in erster Linie gehen. Entscheidend ist etwas anderes. Das beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragene Wappen ist in seinen Originalfarben geschützt: Dunkelrot und Gold. Und diese Farben wurden nicht zufällig gewählt.
Rot steht für das glühende Eisen und den Stahl des Bergbaus. Gold symbolisiert das Licht unter Tage und den Wert der Bodenschätze. Gemeinsam mit Schlägel und Eisen erinnert das Wappen an die bergbaulichen Wurzeln der BSG Wismut und an die Geschichte der SDAG Wismut. Diese Farben sind eben keine Dekoration. Sie sind ein wichtiger Teil der Vereinsgeschichte.
Auch der Kranz unterhalb des Wappens ist golden gestaltet. Er kam offenbar anlässlich eines Vereinsjubiläums hinzu und gehörte nie dauerhaft zum eigentlichen Logo. Selbst in Stadionheften unmittelbar vor dem Mauerfall findet sich das klassische Wappen häufig sogar ganz ohne diesen Kranz. Eines war der Kranz jedoch nie: Schwarz und Weiß. Ein „goldenes“ Jubiläum verbindet man mit Feierlichkeit. Ein schwarz-weißer Kranz weckt dagegen eher Assoziationen an Trauer als an einen Geburtstag.
Seit August 2021 verwendet die BSG Wismut Gera jedoch eine Version ihres Logos, bei der die historischen Farben durch Schwarz, Orange und Weiß ersetzt wurden. Warum diese Abkehr von den Originalfarben erfolgte, wurde bis heute nicht nachvollziehbar erklärt. Trotz mehrfacher Hinweise blieb diese Darstellung bestehen und prägt inzwischen die Außendarstellung des Vereins ebenso wie Teile der Vereinsbekleidung.
Natürlich besitzt nahezu jedes Vereinslogo auch einfarbige Versionen. Dafür gibt es klare Regeln im Corporate Design. Sie dienen technischen Anwendungen wie Faxen, Stempeln, Gravuren oder Prägungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Vereinsfarben beliebig verändert werden dürfen. Niemand würde auf die Idee kommen, das Borussia-Dortmund-Logo blau oder das Schalke-Wappen gelb einzufärben. Warum sollte das ausgerechnet beim Wappen der BSG Wismut anders sein?
In diesem Zusammenhang ist die Darstellung des Wismut-Wappens durch den SC 1903 Weimar in veränderten Farben unglücklich. Vermutlich geschah dies ohne jede böse Absicht. Dennoch zeigt eine solche Darstellung wenig Sensibilität für die Identität und Werte des Gegners.
Umso unverständlicher ist es, wenn wenige Tage später ausgerechnet die BSG Wismut selbst bei der Darstellung gegnerischer Vereinslogos ebenfalls auf die Originalfarben verzichtet. Auch hier gibt es keinen Grund böse Absicht zu unterstellen. Ganz offensichtlich fehlt die notwendige Sensibilität gegenüber der Geschichte des Traditionsvereins. Fakt ist aber, wer von anderen Respekt gegenüber dem eigenen Wappen erwartet, sollte diesen Maßstab auch selbst anlegen.
Selbstverständlich kann ein Verein sein Erscheinungsbild verändern. Auch eine Anpassung des Logos wäre grundsätzlich möglich. Man könnte sich sogar entscheiden, die Vereinsfarben konsequent an Orange und Schwarz anzugleichen. Doch eine solche Entscheidung wäre keine Frage des Geschmacks eines Ausrüsters oder eines Vorstands. Sie würde einen bewussten Bruch mit der historischen Symbolik bedeuten und sollte deshalb von den Mitgliedern des Vereins getragen werden. Denn das Wappen gehört nicht einem Ausrüster. Es gehört zur Geschichte der BSG Wismut.
Gerade Traditionsvereine leben von ihrer Vergangenheit. Wer diese Geschichte bewahren möchte, sollte auch ihre Symbole bewahren oder mit Bedacht weiterentwickeln. Farben sind keine Nebensache. Sie sind Identität.
Vielleicht wäre das 75. Jubiläumsjahr genau der richtige Zeitpunkt, zwei Zeichen zu setzen: das Vereinslogo wieder konsequent in seinen historischen Farben Rot und Gold zu verwenden und zugleich alles dafür zu tun, dass die vollständigen Markenrechte eines Tages dorthin zurückkehren, wo sie hingehören – zur BSG Wismut Gera.
Glück auf!
Euer Paparazzo Orange
Quellen und weiterführende Informationen
Markenrecht der BSG Wismut Gera (Printmarke)
Deutsches Patent- und Markenamt – Registereintrag der Wort-/Bildmarke für den Printbereich (Rechteinhaber: Oliver Hesse).
https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/register/307598268/DE
Markenrecht der BSG Wismut Gera (Onlinemarke)
Deutsches Patent- und Markenamt – Registereintrag der Marke für die Online-Nutzung
(Rechteinhaberin: BSG Wismut Gera).
https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/register/3020080290722/DE
BFC Dynamo erhält Markenrechte zurück
Berliner Kurier – Bericht über die Rückkehr der Logo- und Markenrechte zum Verein BFC Dynamo.
https://www.berliner-kurier.de/fussball/bfc_dynamo/geheimnis-gelueftet-das-bfc-logo-kehrt-nach-hause-zu-den-dynamos-zurueck-li.307654
Viele Vereine besitzen ihre Namen und Logos nicht selbst
Mitteldeutsche Zeitung – Hintergrundbericht über Markenrechte historischer ostdeutscher Fußballvereine.
https://www.mz.de/mitteldeutschland/markenrechte-viele-vereine-sind-nicht-inhaber-ihrer-namen-und-logos-2917973
Lok Leipzig holt sein Vereinslogo zurück
Leipziger Internet Zeitung – Bericht über die Rückübertragung der Markenrechte an den 1. FC Lokomotive Leipzig.
https://www.l-iz.de/sport/fussball/2015/05/lok-leipzig-nur-ein-verein-mit-logo-ist-ein-wirklicher-verein-89715
Beispiel: Darstellung des Wismut-Logos durch den SC Weimar
Facebook-Beitrag des SC Weimar mit der Darstellung des Wismut-Logos in veränderten Farben.
https://www.facebook.com/share/p/1GxDYnNNvd/
Beispiel: Darstellung gegnerischer Vereinslogos durch die BSG Wismut Gera
Facebook-Beitrag der BSG Wismut Gera mit veränderten Farben bei gegnerischen Vereinswappen.
https://www.facebook.com/share/p/15xGioootS9/