Es treibt mir tatsächlich die Tränen in die Augen. Vielleicht liegt es daran, dass ich es noch immer nicht wahrhaben will. Vielleicht liegt es daran, dass ich diesen Verein seit 44 Jahren begleite, um die aktuelle Situation einfach als eine weitere Tabellenkonstellation abzutun. Fakt ist: Die BSG Wismut Gera steht unmittelbar vor dem historischen und erstmaligen Abstieg in die Landesklasse.
Dabei sollte diese Saison eigentlich eine andere werden. Nach den Aussagen der anwesenden Vorstandsmitglieder im persönlichen Gespräch mit Fanvertretern im vergangenen Sommer sollte die Konsolidierung in der Thüringenliga mit einem neuen und jungen Kader im Vordergrund stehen. Daraus wurde nichts. Stattdessen kämpfen wir zwei Spieltage vor Schluss um das nackte Überleben.
Und dennoch sträubt sich in mir alles dagegen, dieses Schicksal einfach zu akzeptieren.
Denn für viele von uns ist die BSG Wismut Gera weit mehr als ein Fußballverein. Wir erinnern uns an den Sommer 2008, als wir den FV Gera-Süd nach den schwierigen Jahren wieder in die Verbandsliga geführt haben. Wir erinnern uns an Aufstiege, Klassenerhalte, Derbys, Pokalspiele, unzählige Nachmittag und an historische Hallenturniere. Seit damals gehört der Verein ununterbrochen zur höchsten Spielklasse Thüringens. Der Gedanke, dass diese Geschichte nun enden könnte, fühlt sich noch immer falsch an.
Vielleicht ist es die Hoffnung eines Fußballfans. Vielleicht habe ich in der Wahrscheinlichkeitsrechnung damals wirklich nicht genau genug aufgepasst. Aber solange die letzte Entscheidung nicht gefallen ist, suche ich nach jedem Szenario, das den Klassenerhalt noch möglich macht.
Denn die Zukunft der BSG Wismut Gera entscheidet sich längst nicht mehr nur auf den Thüringenliga-Plätzen. Auch die Entwicklungen in der Oberliga sowie in den drei Landesklassen spielen eine entscheidende Rolle. Und genau deshalb stellt sich vor dem Saisonfinale eine alles entscheidende Frage: Wie viele Mannschaften müssen die Thüringenliga am Ende tatsächlich verlassen?
Ein Absteiger steht bereits fest
Unabhängig von allen anderen Entwicklungen wird es mindestens einen Absteiger geben. Der Grund liegt eine Liga höher. Der 1. SC 1911 Heiligenstadt steht als Absteiger aus der NOFV-Oberliga Süd fest und kehrt damit in die Thüringenliga zurück. Da die Liga ihre Sollstärke behalten muss, wird dadurch mindestens ein Platz frei gemacht werden müssen. Nach aktuellem Stand würde dies den Tabellenletzten SV Blau-Weiß Büßleben treffen.
SCHOTT Jena bleibt in der Thüringenliga
Eine weitere wichtige Entscheidung ist bereits gefallen. Meister SV SCHOTT Jena wird trotz seiner sportlichen Dominanz nicht in die Oberliga aufsteigen. Die Jenaer führen die Thüringenliga mit zehn Punkten Vorsprung an und stellen mit über 100 Toren die beste Offensive der Liga. Dennoch hat sich der Verein gegen den Aufstieg entschieden. Damit entfällt ein möglicher freier Platz in der Thüringenliga, der die Situation im Tabellenkeller etwas entspannter gemacht hätte.
Der zweite Absteiger ist praktisch sicher
Klar ist dagegen, dass es mindestens einen Aufsteiger aus den Landesklassen geben wird. In der Landesklasse Staffel 1 liefern sich der SV Jena-Zwätzen und der FC Einheit Bad Berka zwei Spieltage vor Saisonende ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Beide Vereine kämpfen um den Titel und damit um den erstmaligen Aufstieg in Thüringens höchste Spielklasse. Einer der beiden Vereine wird in der kommenden Saison die Thüringenliga bereichern. Dadurch erhöht sich die Zahl der Absteiger auf mindestens zwei. Aktuell – und jetzt wird es hart – würde dies die BSG Wismut Gera treffen.
Was macht der Nachfolger der BSG Robotron?
Besonders spannend ist die Situation in der Landesklasse Staffel 2. Die Vereine SV Empor Walschleben, BSV Eintracht Sondershausen, SV Germania Wüstheuterode und FC Erfurt Nord haben bereits erklärt, ein mögliches Aufstiegsrecht nicht wahrnehmen zu wollen. Deshalb galt lange Zeit die Annahme, dass diese Staffel keinen Aufsteiger stellen würde.
Doch ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Der FSV Sömmerda liegt derzeit auf Platz fünf und hat den Aufstieg offenbar noch nicht abgeschrieben. Trainer Kevin Floßmann erklärte gegenüber der Thüringer Allgemeinen: „Von meiner Seite aus ein klares Ja. Ich würde es wagen. Die Strafe möchte ich gerne umgehen. Wenn wir Vierter werden, dann versuchen wir es.“
Damit könnte ausgerechnet das direkte Duell mit dem FC Erfurt Nord am letzten Spieltag zu einem echten Aufstiegsfinale werden. Sollte Sömmerda Rang vier erreichen und den Schritt in die Thüringenliga wagen, käme ein weiterer Aufsteiger hinzu. Das würde die Zahl der Absteiger auf drei erhöhen.
Aktuell würde dies den TSV Gera-Westvororte treffen.
Pokert sich Gotha in die Verbandsliga?
Auch in der Landesklasse Staffel 3 ist die Lage noch nicht abschließend geklärt.
Mit dem VfL Meiningen, dem FC Schweina-Gumpelstadt, dem FSV 06 Ohratal, dem 1. FC Sonneberg und Eintracht Hildburghausen haben bereits mehrere Vereine ihren Verzicht auf einen möglichen Aufstieg erklärt.
Damit richtet sich der Fokus auf den aktuellen Tabellenvierten FSV Wacker 03 Gotha. Offiziell hat sich der Verein bislang nicht festgelegt. Präsident Thomas Fiedler erklärte jedoch auf FuPa-Nachfrage: „Wir haben zum Stichtag, den 31. Mai, keine Meldung beim Thüringer Fußball-Verband eingereicht, dass wir unter Auflagen auf den Aufstieg verzichten würden.“ Eine Formulierung, die viele Beobachter als deutliches Signal interpretieren.
Sollte Gotha den Aufstieg wahrnehmen, würde ein vierter Thüringenliga-Platz verloren gehen. Nach aktuellem Stand wäre dann der FC Saalfeld betroffen.
Drei oder vier Absteiger? Die Tendenz ist klar
Fest steht, dass es durch die Rückkehr des 1. SC 1911 Heiligenstadt aus der NOFV-Oberliga und den Aufstieg des SV Jena-Zwätzen oder des FC Einheit Bad Berka – beide wären als Neulinge erstmals in der höchsten Thüringer Spielklasse – mindestens zwei Abstiegsplätze in der Verbandsliga gibt.
Entscheidend für die weiteren Abstiegsplätze ist die Entwicklung in den Landesklassen 2 und 3. Dort spricht derzeit einiges dafür, dass mit dem FSV Sömmerda und dem FSV Wacker 03 Gotha zwei weitere Vereine ernsthaft um den Aufstieg kämpfen und diesen im Erfolgsfall auch wahrnehmen könnten.
Besonders in Gotha verdichten sich die Anzeichen. Im Jahr des 100 jährigen Jubiläums des Volksparkstadions erscheint es durchaus vorstellbar, dass sich der ehemalige Oberligist die Chance auf die Thüringenliga nicht entgehen lässt.
Der eigentliche Unsicherheitsfaktor bleibt der FSV Sömmerda. Dort fehlt bislang eine klare Aussage der Vereinsführung. Gleichzeitig haben die jüngsten Ergebnisse gezeigt, dass der Weg zu Rang vier keineswegs ein Selbstläufer ist. Die 0:3-Niederlage gegen Sondershausen hat Fragen hinsichtlich der sportlichen Qualität aufgeworfen. Andererseits hat diese Saison bereits mehrfach bewiesen, dass Überraschungen jederzeit möglich sind.
Deshalb spricht aktuell vieles dafür, dass die Thüringenliga am Saisonende eher drei (mit Tendenz zu vier) Absteiger sehen wird als lediglich zwei.
Was bedeutet das für die BSG Wismut Gera?
Die Spiele der Abstiegskandidaten
NDH vs. Saalfeld (A) vs. Weida (H)
Borsch vs. Büßleben (H.) vs. Neustadt (A)
Saalfeld vs NDH (H) vs. Eichsfeld (A)
Westvororte vs. Schleiz (H). vs. Büßleben (A)
Wismut vs. Fahner Höhe (A) vs. Arnstadt (H)
Büßleben vs. Borsch (A) vs. Westvororte (H).
Für die BSG Wismut Gera erhöht diese Entwicklung den Druck zusätzlich.
Der Traditionsverein gehört seit dem Aufstieg des FV Gera Süd im Sommer 2008 ununterbrochen der Thüringenliga an. Ein Abstieg in die Landesklasse wäre damit der erste sportliche Abstieg aus der höchsten Spielklasse Thüringens seit der Rückkehr auf Verbandsebene.
Umso größer ist die Bedeutung der kommenden Partie beim FC An der Fahner Höhe. Verliert die Wismut in Dachwig, ist der Klassenerhalt bei drei Absteigern nicht mehr möglich. Sollten gleichzeitig auch die direkten Konkurrenten aus Büßleben und Westvororte verlieren, wären die drei aktuellen Schlusslichter auch die drei Absteiger.
Im Tabellenkeller kommt es zudem zum direkten Duell zwischen Saalfeld und Nordhausen. Gewinnt der FSV Wacker 90 Nordhausen, ist der Klassenerhalt für die Rolandstädter auch bei vier Absteigern gesichert. Der FC Saalfeld müsste in diesem Fall nicht nur auf den letzten Spieltag hoffen, sondern auch darauf, dass aus der Landesklasse Staffel 2 kein weiterer Aufsteiger nachrückt.
Gewinnt hingegen die BSG Wismut Gera beim dreifachen Thüringenmeister FC An der Fahner Höhe, lebt die Hoffnung weiter. Zwar würden drei Punkte allein noch nicht reichen, um Nordhausen, Borsch oder Saalfeld zu überholen. Doch mit entsprechender Schützenhilfe könnte die Mannschaft vor dem letzten Spieltag wieder in Schlagdistanz kommen. Dann würde es am Steg tatsächlich noch einmal zu einem echten Endspiel um den Klassenerhalt kommen.
Doch bevor gerechnet werden kann, muss zunächst die schwierigste Aufgabe gelöst werden: Ein Sieg in Dachwig ist die einzige realistische Chance, die Saisonverlängerung auf den letzten Spieltag zu erzwingen.