Historischer Doppelabstieg mit Ansage – und niemand übernimmt Verantwortung

Die BSG Wismut Gera ist abgestiegen. Nicht knapp, nicht unglücklich, nicht aufgrund einer einzelnen Fehlentscheidung. Nach einer 0:6-Niederlage steht die Mannschaft als erster Absteiger aus der Thüringenliga fest. Damit endet eine Saison, die wie kaum eine andere die strukturellen Probleme des Vereins offengelegt hat.

Wer nach einem solchen Debakel eine Erklärung, eine Einordnung oder wenigstens ein Zeichen von Verantwortung erwartet hatte, wurde erneut enttäuscht. Während die Fans die Konsequenzen eines historischen Doppelabstieges tragen müssen, herrscht in den Führungsetagen des Vereins eine bemerkenswerte Sprachlosigkeit.

Verherrende Bilanz

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Fußball.

Die sportliche Bilanz ist verheerend. Zwei Abstiege hintereinander. Das gab es in der Geschichte des Vereins noch nie. Hinzu kommt der Verlust der sportlichen Vormachtstellung in der Stadt plus Derby-Niederlagen mit weitreichenden Folgen. Und dennoch wird bis heute kaum kritisch hinterfragt, wie ein Vorstand, unter dessen Verantwortung diese historisch einmalige Entwicklung stattgefunden hat, die Situation erklärt. Unvorstellbar wäre ein zweifacher Abstieg unter dem Duo Just/Kayser gewesen.

Besonders irritierend ist dabei die „hauptamtliche“ Außendarstellung des Vereins. Sportliche Katastrophen werden mit bemerkenswerter Sprachlosigkeit begleitet. Nach dem feststehenden Abstieg warteten viele Anhänger auf ein Signal. Auf eine Erklärung. Auf Selbstkritik. Auf einen Ausblick. Auf irgendein Zeichen, dass die Verantwortlichen die Tragweite dieses sportlichen und strukturellen Scheiterns verstanden haben. Doch stattdessen herrschte Schweigen. Auf den vereinseigenen Kanälen fand sich zum Debakel von Dachwig im Wesentlichen nur ein nüchternes „Abpfiff“.

Dieses eine Wort steht sinnbildlich für den Zustand des Vereins. Während der Trainer und die Fans mit den Folgen eines historischen Doppelabstiegs leben müssen, gelingt es der Vereinsführung nicht einmal, die Öffentlichkeit angemessen mitzunehmen. Hinzu kommt der Eindruck, dass die Kommentarspalten der BSG Wismut Gera weniger der Präsentation eines der größten Traditionsvereine Thüringens als vielmehr einem privaten Familien-Chat dienen. Wer einen Neuanfang glaubwürdig gestalten will, muss zunächst den Mut haben, die Realität auszusprechen. Stattdessen entsteht der Eindruck eines Vereins, der vor den eigenen Problemen davonläuft.

„Wir haben alle derzeit in Betracht zu ziehenden Kosten erfasst. Das Budget für das nächste Spieljahr ist gedeckt“

Heinz-Josef Rungen | BSG-Vorstand seit 2020 | OTZ vom 15. Juni 2025

Noch bemerkenswerter ist jedoch die Abwesenheit des Vorstandes in den entscheidenden Momenten. Wo waren die Verantwortlichen in Dachwig? Ausgerechnet beim wichtigsten Spiel der Saison, einem Spiel um die Zukunft des Vereins, war von denjenigen kaum etwas zu sehen, die den Fans noch im Sommer erklärt hatten, man verfüge über einen Thüringenliga-tauglichen Kader. Wer große Versprechen abgibt, muss sich auch dann zeigen, wenn die Realität diese Versprechen widerlegt. Das Bild eines Trainers, der in Dachwig ohne Co-Trainer, ohne Torwartrainer, ohne Unterstützung quasi auf sich alleine gestellt war und auch noch mit den Sani-Kasten über das Feld flitzen durfte, hat sich bei allen Anwesenden – zusätzlich zum Ergebnis – fest eingebrannt.

Ich glaube, es ist sogar noch mehr als Oberliga drin. Wenn man … dann kriegt man auch Regionalliga hin.

Max Weiß | BSG-Vorsitzender 2022-2025 | CUBE Store Gera 2023

Doch viel schwerer wiegt jedoch die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Vereins. Die Vorgänge um den ehemaligen Präsidenten Max Weiß haben der BSG Wismut Gera nachhaltig geschadet. Der Verein selbst hat öffentlich über „Eingriffe in Kassen mit Spendengeldern und Spieltagseinnahmen“ informiert. Umso unverständlicher ist für viele Mitglieder und Anhänger, dass der Vorstand derselben Person weiterhin im Verein eine verantwortungsvolle Position als Trainer überlässt. Wer glaubt dies sei nur ein internes Thema, kann das Ohr nicht nah an den Menschen in Gera haben. Die öffentliche Wahrnehmung der BSG Wismut Gera leidet bis heute unter diesen Geschehnissen. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, kann dieses Thema nicht aussitzen.

Besonders befremdlich wirkt dieser Umstand vor dem Hintergrund der Spendenaktion, die von den Fans dankenswerterweise organisiert wird. Am letzten Spieltag steht mit Fußballfans gegen Krebs e.V. ein wichtiges Thema im Mittelpunkt. Und grundsätzlich verdienen solche Initiativen jede Unterstützung. Doch gleichzeitig werden bei vielen Anhängern Erinnerungen wach. Denn genau in dem Zeitraum, als im Verein für die krebskranke Emma gesammelt wurde und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen besonders groß war, wurden die später bekannt gewordenen Eingriffe in Kassen mit Spendengeldern und Spieltagseinnahmen öffentlich.

Das eigentliche Problem ist dabei nicht die aktuelle Spendenaktion. Das Problem ist das fehlende Vertrauen. Solange die damaligen Vorgänge nicht vollständig aufgearbeitet erscheinen und solange Personen, die mit diesem Kapitel verbunden werden, weiterhin Funktionen oder Einfluss im Vereinsumfeld besitzen, wird ein Teil der Anhängerschaft jeder vereinsgebundenen Spendensammlung mit Skepsis begegnen. Viele Fans unterstützen deshalb lieber direkt die jeweilige Initiative oder die aktive Fanszene, weil dort das Vertrauen größer ist.

Und genau das ist der eigentliche Schaden. Nicht nur die verlorenen Spiele. Nicht nur der Abstieg. Sondern die Tatsache, dass ein Traditionsverein das Vertrauen seiner eigenen Anhänger verspielt hat.

Es geht um Verantwortung. Es geht um die Frage, welche Konsequenzen ein Verein zieht, wenn das Vertrauen seiner Mitglieder und Unterstützer erschüttert wurde. Und es geht um die Frage, welches Signal man an Sponsoren, Ehrenamtliche und Fans sendet.

„Dass so etwas nie wieder passieren soll, haben wir uns damals geschworen. Jetzt scheinen wir wieder am Abgrund zu stehen. Ich bin entsetzt und maßlos enttäuscht.“

Udo Korn | seit 65 Jahren Mitglied der BSG | OTZ vom 6. November 2025

Während andere Vereine in schwierigen Zeiten Geschlossenheit und Führungsstärke zeigen, entsteht in Gera der Eindruck von Verdrängung und Ablenkung. Kritische Fragen sollen gar nicht erst gestellt werden. Stattdessen diskutiert man ernsthaft darüber, wer welche Artikel auf brennpunkt-orange.de liest oder in sozialen Netzwerken liked. Doch mittlerweile durchschauen die Fans dieses Manöver, denn die eigentlichen Probleme verschwinden dadurch nicht.

Die Wahrheit ist unbequem: Die BSG Wismut Gera befindet sich nicht wegen eines einzelnen schlechten Spiels in dieser Lage. Der Doppelabstieg ist das Ergebnis jahrelanger Fehlentscheidungen, falscher Einschätzungen und fehlender Konsequenzen.

Besonders bitter ist dabei der Blick auf die Menschen, die den Verein tatsächlich tragen. Die Fans. Carola. Heike. Diejenigen, die Woche für Woche am Steg helfen und trotz aller Rückschläge ihre Zeit, ihre Energie und ihr Herzblut investieren. Sie haben Ehrlichkeit verdient. Sie haben Transparenz verdient. Und sie haben Verantwortliche verdient, die Verantwortung übernehmen und Fehler eingestehen, anstatt sie auszusitzen.

Wenn die BSG Wismut Gera wieder zu dem Verein werden will, der sie einmal war, braucht es mehr als neue Trainer, neue Spieler oder neue Durchhalteparolen. Es braucht einen echten strukturellen und finanziellen Neuanfang. Mit Transparenz. Mit Verantwortung. Und vor allem mit der Bereitschaft, die Fehler der Vergangenheit endlich offen aufzuarbeiten.

Denn eines ist klar: Der sportliche Abstieg schmerzt, genau wie der erneute Verlust des Status als Nummer 1 in der Stadt. Doch der Verlust von Vertrauen wiegt deutlich schwerer.

GLÜCK AUF!

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