Eigentlich wäre es leicht, das Facebook-Statement des Vorsitzenden einfach stehen zu lassen. Es spricht für sich, wenn ein Verein in den sozialen Medien um Spenden bittet und gleichzeitig Ruhe einfordert. Doch genau darum geht es: Man kann soziale Medien nicht nutzen und gleichzeitig so tun, als gäbe es sie nicht. Diese mit dem „Wutpost“ überraschend deutlich gewordenen Philosophie erinnert an ein Zitat von Bill Gates aus dem Jahr 1993:
„Das Internet? Wir sind nicht interessiert!“
Wie ruhig soll es denn noch werden?
Wer nach einer 1:4-Niederlage bei einem direkten Mitabstiegskandidaten vor allem „Ruhe“ einfordert und sich über Kritik im Netz beklagt, verkennt die Realität. Die BSG Wismut Gera ist (noch) kein x-beliebiger Dorfverein. Dieser Klub lebt von Emotion, Anspruch und öffentlicher Diskussion. Genau diese Emotionen waren dem Vorsitzenden gerade sehr wichtig, also er auf der Suche nach Spenden war. Und wenn man sich die Zuschauerzahlen mit ihren reihenweisen Minusrekorden anschaut, stellt sich ohnehin die Frage: Wie ruhig soll es denn noch werden?
Im Übrigen: In Gera gab es schon einmal einen Verein, bei dem es in sportlich wie wirtschaftlich existenzbedrohender Lage sehr ruhig war – dieser Verein ist heute von der Bildfläche verschwunden.
Welche neue Mannschaft?
„Wir haben eine nahezu komplett neu aufgestellte Mannschaft.“ (Facebook)
Der Vorsitzende spricht in seiner „Wutrede“ von einer „nahezu komplett neu aufgestellten Mannschaft“. Ein Blick auf die Startelf gegen Saalfeld zeigt mit C. Haase, M. Güttich, A. Haupt, N. Kubitz, F. Hoffmann, M. Kießling, F. Schubert, J. Wagner und Rico Heuschkel neun von elf Spieler, die zu dieser Beschreibung so gar nicht passen wollen. Das Durchschnittsalter des Kaders der Saison 25/26 liegt nach Angaben verschiedener Portale bei 28,5 Jahren. Von einem echten Umbruch kann also keine Rede sein. Von welcher Mannschaft spricht also der Präsident? Es ist weder eine neue noch eine besonders junge Mannschaft – vielmehr stehen dort oberliga- und mallorca-erfahrene Akteure, die den Verein seit Jahren prägen.
Wir haben alle Kosten erfasst …
„Wir haben alle derzeit in Betracht zu ziehenden Kosten erfasst. Das Budget für das nächste Spieljahr ist gedeckt“, so Vorstand. (OTZ)
Im Präsidenten-Statement findet sich kein Wort zu den eigenen Fehleinschätzungen des Vorstandes aus dem Sommer – das selbstbewusste Verkünden eines gedeckten Budgets und ambitionierte Ziele, wie das frühzeitige Verlassen der Gefahrenzone. Nichts davon ist eingetreten. Weder finanziell noch sportlich. Stattdessen folgten die Trennung von einer Wismut-Ikone ohne öffentliche Rückendeckung, personelle Rochaden und offene Fragen rund um den olympischen Abgang des Ex-Präsidenten. Der viel beschworene „Neuanfang“ war damit schneller Geschichte, als er verkündet wurde.
Klare Line?
„Nach vielen intensiven und überaus positiven Gesprächen konnte man Matthias Gast (links) und Jimmy Wagner (rechts) für unsere BSG gewinnen. Wir sind überzeugt, dass ihr zusammen alles mitbringt, was es für diese Herausforderung benötigt und freuen uns sehr, dass ihr (wieder) da seid!“ (wismutgera.de)
Auch die sportliche Führung wirft Fragen auf. Die (Co-)Trainersuche wirkte nicht wie ein transparentes Auswahlverfahren nach Kompetenz, sondern wie die bequemste Lösung im bekannten Umfeld. Kumpelwirtschaft ist eben kein Konzept. Das Ergebnis sieht man mit einem historisch schlechten Tabellenplatz und einen diskussionswürdigen Spielkonzept auf dem Platz: ein Trainer; der schon wieder Geschichte ist, eine fehlende Struktur, kein klar erkennbarer Plan, eine verunsicherte Mannschaft und ein enttäuschtes Umfeld. Das ist vieles, eben nur nicht die vom Präsident genannte „klare Linie“.
Ein Verein lebt nicht von Schweigen.
Wer Kritik pauschal als „Geheule im Internet“ abtut, übersieht: Viele der kritischen Stimmen kommen nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Sorge. Schließlich hat es der Verein geschafft, eine im Sommer 2025 als „Neustart“ getarnte peinliche Wechselperiode in die schlechteste sportliche Leistung in der Verbandsliga seit der Neugründung zu verwandeln. Hinzu kommt die Unsicherheit, inwieweit die „akuten finanzielle Schwierigkeiten“ tatsächlich ausgeräumt sind. Ja, es gibt Beifallsklatscher – jene, die noch vor wenigen Wochen genau auf der gleichen Plattform im Sinne eines Freundschaftsdienstes den Rücktritt des Vorstandes forderten und somit persönliche Interessen lautstark verteidigten. Aber uneigennützige Kritik aus ehrlicher Sorge um die Entwicklung des Vereins ist kein Angriff. Sie ist Ausdruck von Verbundenheit.
Ein Verein lebt nicht von Schweigen.
Er lebt von Reibung, Diskussion und klarer Führung.
Die BSG Wismut Gera spielt sich sportlich gerade in die Bedeutungslosigkeit. Verantwortlich sind nicht nur einzelne Spieler, sondern strukturelle Entscheidungen – und ein Vorstand, der zentrale Fehlentwicklungen ohne klare öffentliche Konsequenzen passieren ließ. Wer jetzt ausschließlich Geschlossenheit fordert, ohne selbst Transparenz und Verantwortung vorzuleben, vertauscht Ursache und Wirkung.
Ruhe entsteht nicht durch Appelle.
Ruhe entsteht nicht durch Abwehr.
Und schon gar nicht durch das Abwerten öffentlicher Kritik.
Ruhe entsteht durch Vertrauen.
Und Vertrauen entsteht durch nachvollziehbare Entscheidungen, klare Kommunikation und sichtbare Konsequenzen.
Oder um es mit den Worten von Jörg Zemke im ehemaligen Gästebuch der BSG bereits im Jahr 2012 zu sagen:
„Es zählt heute eben auch zur Kompetenz einer Vereinsführung, mit den modernen Medien richtig umzugehen. Die heutige moderne Welt macht nicht vor den Stadiontoren halt. Dabei ist es den Medien völlig egal, was man persönlich von ihnen hält.“
Genau daran wird sich die aktuelle Vereinsführung messen lassen müssen.
Nicht am Wunsch nach Ruhe – sondern an der Fähigkeit, Verantwortung sichtbar zu tragen.
Glück Auf.