75 Jahre BSG Wismut Gera. Eigentlich ein Anlass für Festreden, Hochglanzbroschüren und das obligatorische Schulterklopfen.
Aber seien wir ehrlich: Das wäre irgendwie nicht Wismut.
Welcher andere Verein schafft es schon, im Jubiläumsjahr in die 7. Liga abzusteigen, zuvor wegen einer geplünderten Spendenkasse für thüringenweite Schlagzeilen zu sorgen und gleichzeitig mitzuerleben, wie ausgerechnet ehemalige Verantwortliche aus Vorstand und Geschäftsstelle den Verein verlassen, ihm mangelnde Wertschätzung vorwerfen, unter neuem Namen weitermachen – für die Kontaktaufnahme aber weiterhin die E-Mail-Adresse des Vereins nutzen? In dieser Disziplin bleibt die BSG tatsächlich die unangefochtene Nummer 1 der Bezirkshauptstadt.
Dabei war Wismut noch auch in den letzten Jahren alles andere als ein gewöhnlicher Fußballverein. Hier gab es Torhüter, die sich ihre Glanzleistungen gleich selbst in den Vereinsspielbericht schrieben. Trainer, die nebenbei noch Vereinspolitik betrieben. Mannschaften, die mit dem stärksten Kader der Liga den Aufstieg gleich mehrfach verpassten. Und Fans, die nach einer eher peinlichen Pokalniederlage zum 70. Geburtstag trotzdem einen Pyroempfang organisierten, als hätte man gerade Europa gewonnen.
Normal kann halt jeder.
Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – blickt dieser Verein auf eine Geschichte zurück, von der viele nur träumen können.
Träger der Friedrich-Ludwig-Jahn-Medaille. Spitzenreiter der Ewigen Tabelle der DDR-Liga. FDGB-Pokalfinalist. Sechs Spielzeiten in der DDR-Oberliga. Mehrfacher Staffelsieger der DDR-Liga. Thüringenmeister. Pokalfinalist.
Vor allem aber: ein Verein, der Menschen bewegt.
Wer 2018 das Pokalfinale in Erfurt erlebt hat, sich an den Pokalfight 2010 erinnert oder die Derbybilder aus 2011 wieder anschaut, weiß, was Wismut ausmacht. Orange und Schwarz sind weit mehr als zwei Farben. Sie stehen für Leidenschaft, für Identität und für eine Anhängerschaft, die auch dann da ist, wenn sportlich längst nicht alles glänzt.
Vielleicht erklärt genau das auch, warum die BSG seit Jahrzehnten polarisiert. Früher versuchte man, sie mit politischen Entscheidungen kleinzukriegen. Später entstanden neue Vereine mit dem Anspruch, die Nummer 1 der Stadt zu werden. Heute erklären andere gern, wie sympathisch oder unsympathisch Wismut angeblich sei.
Geschenkt.
Über die Anziehungskraft eines Vereins entscheidet nicht ein Zitat nach einem verlorenen Spiel. Sie entscheidet sich auf den Rängen. In den Erinnerungen. Und in den Menschen, die auch in der 7. Liga am ersten Spieltag wieder am Spielfeldrand stehen, als ginge es um den Europapokal.
Natürlich hat sich der Verein verändert. Die legendären Diskussionen im Erzhammer sind leiser geworden. Viele Gesichter von damals sind nicht mehr da. Manches vermisst man.
Aber vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, sich nicht neu zu erfinden, sondern sich an das zu erinnern, was Wismut immer stark gemacht hat: Zusammenhalt, Leidenschaft und das Gefühl, dass dieser Verein allen gehört – und keinem Einzelnen.
Der 2:0-Sieg zum Saisonauftakt macht Hoffnung. Die zweite Mannschaft macht Freude. Und die Geschichte verpflichtet.
Alles Gute zum 75. Geburtstag, BSG Wismut Gera!
Bleib unbequem. Bleib laut. Bleib manchmal chaotisch. Aber vergiss nie, warum Dich so viele Menschen seit Jahrzehnten lieben.
Denn eines hat die Geschichte immer wieder bewiesen: Totgesagt wurde die Wismut oft. Verschwunden ist sie nie.
Glück auf!