Eine aktuelle Podcast-Episode aus dem Format MIDMID mit Alex Muzio, dem Vorsitzenden von Royale Union Saint-Gilloise, bietet einen tiefgehenden Einblick in modernes Fußballmanagement, das sich bewusst von traditionellen, stark intuitiv geprägten Entscheidungsmodellen abgrenzt. Das Gespräch ist weniger als klassisches Interview angelegt, sondern als strategischer Dialog über Strukturen, Entscheidungslogik und langfristige Stabilität im Profifußball.
Muzio beschreibt seinen Zugang zum Fußball nicht aus der Perspektive eines ehemaligen Spielers oder Trainers, sondern aus einer analytischen und probabilistischen Denkweise, die stark von Finanzmärkten und datenbasierter Entscheidungsfindung geprägt ist. Fußball versteht er als System mit hoher Unsicherheit und Varianz, in dem einzelne Ergebnisse nur begrenzt aussagekräftig sind. Daraus leitet er die Überzeugung ab, dass nachhaltiger Erfolg nicht durch das Streben nach kurzfristiger Bestätigung, sondern durch konsistent gute Entscheidungsprozesse entsteht. Zentrale Leitidee ist dabei, nicht ständig Recht haben zu müssen, sondern systematisch schlechte Entscheidungen zu vermeiden.
„Ergebnisse sagen dir, was passiert ist.
Prozesse sagen dir, ob du es wiederholen kannst.“
Diese Denkweise überträgt Muzio konsequent auf die strategische Ausrichtung von Union Saint-Gilloise. Der Verein wird nicht als Ansammlung von Einzelpersonen verstanden, sondern als funktionales System, das unabhängig von Namen, Hierarchien oder kurzfristigen Trends funktionieren soll. Spieler, Trainer und Funktionäre sind Teil eines übergeordneten Modells, das auf klar definierten Prinzipien basiert. Der sportliche Erfolg der letzten Jahre wird nicht als Endpunkt betrachtet, sondern als Nebenprodukt funktionierender Strukturen. Tabellenplätze und Ergebnisse sind für Muzio wichtige Indikatoren, aber nicht das primäre Kriterium zur Bewertung der Vereinsführung.
Ein zentraler Bestandteil dieses Modells ist der bewusste und reflektierte Einsatz von Daten. Muzio grenzt sich deutlich von vereinfachten „Moneyball“-Narrativen ab, nach denen Algorithmen menschliche Entscheidungen ersetzen könnten. Daten dienen bei Union nicht als Entscheidungsautomat, sondern als Korrektiv gegen kognitive Verzerrungen, mediale Überbewertung und emotionale Kurzschlüsse. Sie helfen dabei, Hypothesen zu prüfen, Risiken besser einzuordnen und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Besonders betont wird, dass Daten vor allem dann wertvoll sind, wenn sie helfen, aus Fehlentscheidungen zu lernen und Prozesse kontinuierlich zu verbessern.
„Daten treffen keine Entscheidungen.
Sie schützen dich davor, schlechte Entscheidungen zu treffen.“
Im Bereich Scouting und Transfers verfolgt Union einen klar strukturierten Ansatz, der auf Marktineffizienzen abzielt. Gesucht werden keine prominenten Namen, sondern Spielerprofile, die statistisch und taktisch zum Spielmodell passen und Entwicklungspotenzial besitzen. Alter, Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit spielen eine größere Rolle als kurzfristige Leistungsspitzen. Transfers werden nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Kontext des Gesamtsystems. Der Trainer arbeitet dabei innerhalb definierter Leitplanken und ist nicht alleiniger Architekt des Kaders, sondern Integrator eines bestehenden Modells. Trainerwechsel sollen keine fundamentalen Richtungsänderungen nach sich ziehen, sondern möglichst reibungslos in das bestehende System eingebettet werden.
„Wir bauen keinen Verein um Trainer oder Spieler herum,
sondern um Prinzipien, die bleiben, wenn Menschen gehen.“
Auch infrastrukturelle Fragen, insbesondere die Stadionthematik, werden in der Episode bewusst nüchtern behandelt. Muzio beschreibt ein Stadion nicht als Symbol oder Prestigeprojekt, sondern als strategisches Asset, das zur wirtschaftlichen Realität und zur Fanbasis passen muss. Emotionale Bindungen an traditionelle Spielstätten werden anerkannt, dürfen jedoch nicht dazu führen, dass wirtschaftliche oder sportliche Entwicklungsmöglichkeiten blockiert werden. Ein Stadion soll den Verein unterstützen und stabilisieren, nicht durch überzogene Ambitionen langfristige Risiken erzeugen.
Im weiteren Verlauf analysiert Muzio den belgischen Fußball insgesamt als Umfeld mit strukturellen Schwächen, aber auch erheblichen Chancen. Er spricht offen über finanzielle Instabilität, kurzfristiges Denken und mediale Verzerrungen, sieht jedoch gleichzeitig großes Potenzial in Ausbildung, internationaler Vernetzung und Offenheit für Innovation. Union Saint-Gilloise versteht er nicht als Ausnahmeerscheinung, sondern als mögliches Modell dafür, wie Vereine in kleineren Ligen durch klare Strategien und konsequente Prozesse wettbewerbsfähig bleiben können.
Besonders prägend ist Muzios Verständnis von Führung und Verantwortung. Gute Führung zeigt sich für ihn nicht in erfolgreichen Momenten, sondern in der Fähigkeit, auch in Phasen des Misserfolgs an rationalen Prozessen festzuhalten. Erfolg rechtfertigt aus seiner Sicht keine schlechten Entscheidungen, genauso wenig wie Misserfolg automatisch eine falsche Strategie beweist. Er spricht offen über Zweifel, Fehlannahmen und die Notwendigkeit von Demut im Management, insbesondere in einem Umfeld, das stark von Zufall und externen Faktoren beeinflusst wird.
„Nachhaltigkeit im Fußball bedeutet, auch dann stabil zu bleiben,
wenn alles, was kurzfristig helfen würde, verlockend erscheint.“
Abschließend macht Muzio deutlich, dass er Union Saint-Gilloise langfristig entwickeln möchte und keinen kurzfristigen Exit oder maximalen Verkaufszeitpunkt anstrebt. Ziel ist es, einen Verein zu schaffen, der robust gegenüber personellen Veränderungen ist und auch dann stabil bleibt, wenn einzelne Schlüsselpersonen wegfallen. Die Episode vermittelt damit weniger eine Erfolgsgeschichte im klassischen Sinn, sondern ein konsistentes Denkmodell für nachhaltiges Entscheiden unter Unsicherheit. Sie richtet sich nicht nur an Fußballinteressierte, sondern an alle, die sich mit Strategie, Führung und komplexen Systemen beschäftigen.
„Wenn du nur auf Resultate reagierst, managst du Zufall – nicht Leistung.“