Ein 1:2, das sich ganz anders anfühlt

Ein Kommentar: Es gibt Fußballabende, die sich nicht in einem Ergebnis erzählen lassen. Das 1:2 der BSG Wismut Gera beim 1. FC Greiz gehört für mich definitiv dazu.

Eigentlich entstand dieser Text in Kurzform als Reaktion auf einen Facebook-Kommentar, der den Auftritt der BSG Wismut Gera am 2. Spieltag der Landesklasse 1 als „lächerlich“ bezeichnete. Das konnte ich so nicht stehen lassen und habe widersprochen. Der entsprechende Beitrag auf der Wismut-Facebook-Seite wurde zwischenzeitlich gelöscht. Schade eigentlich. Gerade unterschiedliche Einschätzungen gehören zu einem Fußballverein dazu – und dieser Abend hat deutlich mehr verdient als das schlichte Urteil und aus meiner Sicht völlig deplatzierte Urteil „lächerlich“.

Beginnen wir deshalb mit dem Gastgeber.

Respekt an den 1. FC Greiz. Rund 350 Zuschauer an einem Freitagabend in der Thüringer Landesklasse sind eine Ansage. Der Verein hat verstanden, welches Potenzial in einem solchen Spiel steckt, und eine Kulisse geschaffen, die diesem Abend gerecht wurde.

Die Anreise zum Tempelwald ist dabei schon ein eigenes kleines Abenteuer. Umleitungen führen durch Landschaften und Orte, deren Existenz man bislang nicht unbedingt auf dem Radar hatte. Der letzte Weg zum Sportplatz macht seinem Namen alle Ehre und führt durch den Wald. Dazu die Parkplatzsuche. Man könnte sich darüber ärgern – oder feststellen: Genau so fühlt sich Landesklasse an.

Bei der Versorgung sahen einige Zuschauer aus Gera angesichts des Ansturms noch etwas Luft nach oben. Im Nachhinein vielleicht keine schlechte Situation: Direkt an der Stadionausfahrt wartete nach dem Spiel bereits eine Polizeikontrolle mit der Alkoholkontrolle. Vielleicht gehört auch das irgendwie zu einem Fußballabend mitten im Wald. Und der ein oder andere organisatorische Optimierungsbedarf in Bezug auf die kulinarische Versorgung erinnerte durchaus an alte – zum Glück vergangene – Wismut-Zeiten.

Auf dem Platz war zunächst der 1. FC Greiz die bessere Mannschaft. Mit David Himmer stand dabei nicht nur ein ehemaliger Wismut-Spieler auf dem Platz, sondern nach seinem legendären Tor gegen Chemie ein Geraer Fußballheld. Und im Greizer Tor entwickelte sich Dominik Reissig zum besten Mann des Spiels. Die Empor-Legende, die seit diesem Sommer den Kasten des 1. FC hütet, hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die drei Punkte in Greiz blieben.

Der Vorjahressiebte der Landesklasse verdiente sich den Sieg mit einer kämpferischen ersten Halbzeit. Sechs Gelbe Karten und eine Gelb-Rote Karte sind mehr als eine Randnotiz. Sie zeigen, mit welcher Intensität dieses Spiel geführt wurde.

Die Wismut dagegen fand in den ersten 45 Minuten zu wenige Antworten.

Dann kam die Pause. Und offenbar die richtigen Worte.

Denn die zweite Halbzeit erzählt eine völlig andere Geschichte. Die BSG spielte ruhig, mutig und mit deutlich mehr Zug zum Tor. Sie erarbeitete sich drei Treffer – auch wenn am Ende nur einer auf der Anzeigetafel landete.

Gerade einer der beiden nicht gegebenen BSG-Treffer wird sicherlich noch für Diskussionen sorgen. Beim Freistoßtor wird auf die neue Regel und den vorgeschriebenen Abstand von einem Meter verwiesen. Mag sein. Interessant wird sein, ob wir diese Auslegung in dieser Saison auf anderen Plätzen ebenso konsequent erleben werden.

Über eines kann man aber kaum diskutieren: Diese zweite Halbzeit der BSG-Elf war stark.

Natürlich war auch zu erkennen, wo bei der Wismut noch Arbeit wartet. Aber mindestens genauso deutlich wurde, welches Potenzial einige der neuen Spieler mitbringen. Dazu kam ein bemerkenswerter Support der mitgereisten Wismut-Fans, die ihre Mannschaft über weite Strecken lautstark begleiteten.

Deshalb hätte die BSG nach diesen zweiten 45 Minuten einen Punkt verdient gehabt.

Dass es am Ende keiner wurde, ist ärgerlich. Aber es ist kein Grund, nach dem zweiten Spieltag den Untergang auszurufen. Die Punkte wird diese Mannschaft an anderer Stelle holen.

Aber bevor sich einige von der offensichtlich bei mir vorhandenen Euphorie nach diesem Spiel irritiert zeigen: Die Wismut bringt auch in Greiz die gleichen Themen mit, die den Verein bereits in den vergangenen Jahren beschäftigt haben. Vor dem Anpfiff und auch danach wurde am Spielfeldrand kaum ein Thema so intensiv diskutiert wie die Mannschaftsaufstellung und der offensichtliche Unterschied zur Startformation gegen Schmölln.

Genau daran wird sich zeigen, wie ernst Verein und Trainer den viel beschworenen Neustart tatsächlich meinen. Denn ein Neustart besteht nicht aus großen Worten, sondern aus nachvollziehbaren Entscheidungen, einer erkennbaren sportlichen Entwicklung und der Bereitschaft, die Fehler und Probleme der vergangenen Jahre tatsächlich hinter sich zu lassen.

Daran wird man die Verantwortlichen messen müssen – nicht an den Ankündigungen.

Leider gehören auch die Diskussionen außerhalb des Platzes weiterhin dazu. Dass „herzensgute“ Familienangehörige von Menschen, die gerade erst im Verein ankommen, langjährigen Wismut-Fans erklären möchten, wie diese sich zu verhalten oder zu äußern haben, ist dabei wenig hilfreich. Es stärkt die Position des eigenen „Schützlings“ nicht – im Gegenteil. Vor allem ist es gar nicht nötig. Denn derjenige, um den es dabei geht, scheint sportlich gerade durchaus gute Arbeit zu leisten. Das haben in Greiz nicht nur die zahlreichen Wismut-Fans gesehen, sondern rund 350 Zuschauer.

Auch wenn sich diese Leistung nicht in Punkten niedergeschlagen hat.

Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Abends: Ein 1:2 kann sich manchmal ziemlich anders anfühlen als ein 1:2. Klingt paradox, ist aber eigentlich ganz einfach: In der ersten Halbzeit hat sich der Gastgeber die Führung verdient. Nach der Pause war die Wismut die deutlich bessere Mannschaft und hätte sich mindestens einen Punkt verdient gehabt. Von einer „lächerlichen“ Vorstellung war sie jedenfalls ziemlich weit entfernt.

Im Gegenteil: Wenn die BSG an diese zweite Halbzeit anknüpft, dürfen sich die Wismut-Fans auf eine Saison mit einer kämpferischen BSG freuen.

Glück auf!
Euer Paparazzo Orange

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